Josef Novotny
Josef Novotny
Hemma Geitzenauer
Hemma Geitzenauer
Volker Kagerer
Volker Kagerer
SOUNDSOUNDSO
Volker Kagerer (bass)
Josef Novotny (organ)
Hemma Geitzenauer (feedback flute)

Hier müssen wir mal eben über 20 Jahre zurückgehen: Hemma Geitzenauer hat Josef Novotny 1988 bei einem Konzert im Mostviertel kennen gelernt, als ihr Flötenlehrer ein Stück von ihm mituraufführte. 1992 dann hörte sie in der Wohnung einer Freundin, wie er Synthesizer im Zusammenklang mit Schläuchen und Blechen spielte – „und es war nur schräg!“ Es war die Zeit, als Geitzenauer anfing, ihr Instrument ausgiebig zu erforschen. Mittlerweile hat sie mit Novotny einen fruchtbaren kreativ-technischen Austausch entwickelt.

Die Wiener Flötenforscherin, die sich aufgrund ihres Hanges zum Basteln mit Elektronik Marke Eigenbau auch gerne als „Lötistin“ bezeichnet, gibt ihm praktikable technokreative Impulse, er hingegen ist ihr Software-Therapeut, von dessen pädagogischen Fähigkeiten sie begeistert ist: „Er hat die Geduld, mich selbst finden zu lassen.“ Beide sind zudem bekennende Conrad-Gänger, also Kunden des gleichnamigen elektronischen Fachmarktes, die ihre „Conrad-Expeditions-Trophäenschauen“ bisweilen zusammen unternehmen und ein noch imaginäres Duo namens Los Elkos andenken. Bis es soweit ist, streckt man in Graz schon einmal mit Volker Kagerer, einem Kollegen aus der Musikschule, an der Novotny unterrichtet, im absolut exklusiven V:NM-Trio die akustischen Fühler aus, um zu neuen musikalischen Plateaus zu gelangen.

Die Grazer Konstellation, so Geitzenauer, ist repräsentativ für Barockmusik, salopp gesagt: Monteverdi übersetzt ins Heute. Kagerers Bass bildet die Gambe, Novotny, der seine Musik zwar seit 10 Jahren hauptsächlich auf die Elektronik fokussiert, in letzter Zeit aber auch verstärkt Orgel spielte – so 2005 in St. Lorenzen/Scheifling im Rahmen vom Schrattenberger Symposion oder 2007 beim Bruckner-Fest in Linz – bildet das harmonische Rückgrat, und Geitzenauer sieht ihre Rolle mit einem Augenzwinkern als Elektronikerin und Verstärkerschlepperin. Nach Möglichkeit soll die alte Musikpraxis durch ein totales Hineinspringen in die heutigen Harmonien und Spielweisen reinterpretiert werden. „Kurz vor Monteverdi“, erzählt Geitzenauer, „gab es in der Praxis des Basso Continuo in Mantua einen avantgardistischen Kreis von DichterInnen und MusikerInnen, die einen Stil Nuovo mit ziemlich donnernden und sehr kontrastreichen Harmoniefolgen praktizierten. Sie haben sich für damals sehr viel getraut, einen unerhörten Klang zu erzeugen – und der Quasi-Solist musste dann sehr empfindsam darauf reagieren und schließlich wieder herausfinden.“

Hier lässt sich für das Trio anknüpfen, doch auch diverse Kompositionen von Peter Hannan aus den 1980ern können eventuell als eine zeitgenössische Verbindung und Grundlage für den Impetus des Grazer Konzertes gelten. Was bei der Klanggebung noch interessant ist, ist der Betrieb der Flöte durch den menschlichen, der von der Orgel hingegen durch den mechanischen Atem. Novotny: „Die sehr konkreten Töne des Orgelklangs sind so gut wie nicht modulierbar, und diese Klangcharakteristik einzusetzen, wird sicherlich Teil der Performance sein.“ Hier ist für das Trio natürlich die Mariahilferkirche als Klangraum von großem Reiz, ebenso, dass das Publikum mit dem Rücken zur Musik sitzt – eine sehr inspirierende Situation für Geitzenauer, die aufgrund ihrer aufmerksamen Analyse historischer und zeitgenössischer klerikaler Performancepraxen schon viel mit der Situation in sakralen Klangräumen experimentiert und geforscht hat. Der leise kammermusikalische Basso Continuo wäre für das Trio im Normalfall ja ein elektronisch verstärktes Clavierchord, Flöte und unverstärkter E-Bass, aber mit der Kirchenorgel kann man nun in die Vollen gehen und das Konzept innovativ transformieren.

Die Blockflöten, so Geitzenauer, sind im barockmusikalisch-orchestralen Kontext nur für die übersinnlichen Darstellungen von z.B. Engeln eingesetzt worden, eine diesseitige Funktion hat die Flöte nur in arkadischen Aussichten. Die Orgel hingegen ist das Weltschaffende Instrument, und sie erschafft auch gleichsam die Harmonie der Welt. „Die Engel“, so Geitzenauer weiter, „sind dagegen etwas jenseitig, wenn nicht verrückt“. Auch aus dieser dialektischen Spannung schöpft das musikalische Konzept. Volker Kagerer, der in der 1998 von Georg Edlinger gegründeten Formation shineform mit Gästen wie z.B. Didi Bruckmayr oder Mario Rechtern einen explizit experimentellen und mitunter sehr brachialen Ansatz vertritt, ist geladen, in diesem Spannungsfeld zwischen leisem Element und dynamischem Zusammenspiel eine Ebene zu finden. Er ist bei Soundsoundso das unbekannte Element, die typische V:NM-Festival-Überraschung.

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