Mia Zabelka
Mia Zabelka
Christian Curt Tschinkel
Christian Curd Tschinkel

1800 SECONDS … (… inspired by INTIÑAHUI)

Christian Tschinkel definiert sich als Anti-Künstler im Sinne einer Problematisierung des traditionellen Begriffes von Kunst. Da Klangkunst heute oft als Audiodesign komplett in den sozialen Alltag übergetreten ist, macht es für ihn wenig Sinn, hier noch auf Aura zu setzen. Das Experiment indes sollte nicht abgehoben sein, sondern vielmehr notwendige Basis für die musikalische Arbeit. Die experimentelle Aufführungspraxis und Profession wird zwar respektiert, aber nicht auf der Bühne expressiv ausgelebt. Mythos und Aura des Künstlers sind Tschinkel suspekt, er möchte Musik als Kunstform zwar nicht banalisieren, aber profanisieren und gleichsam professionell halten, wobei das genuin zweckfreie Handeln der Kunst nach wie vor zu schätzen ist.

Sein Konzept der Akusmatik basiert grundlegend auf einer medial generierten Klangerzeugung und der damit verbundenen Wahrnehmung. Musik ist hierbei kein elitäres Erlebnis, sondern im Alltagsklang von z.B. Mobiltelefonen oder Kinoakustik integriert, deren Sounddesign für ihn weniger banal und ordinär als vielmehr futuristisch ist. Tschinkel interessieren auch die physiologischen Reiz-Reaktions-Muster, die Musik und ihre medialisierte Technologie auslösen können. Hinzu kommen ein dezidiertes Interesse an Popmusik und der Gebrauch ihrer Parameter (wie z.B. der Kompression), die im experimentellen und klangkünstlerischen Bereich ziemlich verpönt sind, Rhythmus dagegen setzt er nur sehr stilisiert ein. Tschinkel kennt und schätzt die Neue Musik und die elektroakustische Tradition außerordentlich, trotzdem richtet er seinen Blick stark auf die Pop- und Massenkultur, um dort Ansätze für musikalische Transformation und Innovationen finden zu können, denn für ihn gilt: „Pop ist die andere Avantgarde des 20. Jahrhunderts.“

Tschinkel ist vorrangig ein überzeugter Kammer-Musiker, die Verpflichtung für das fertige Stück ist ihm wichtiger als eine womöglich expressive Bühnenperformanz. Gleichsam ist er als Musiker anschlussfähig und ‑willig geblieben, und so lässt sich auf dem V:NM 09 eine seiner eher seltenen Live-Improv-Kombinationen erleben.

Seine kongeniale Partnerin hierfür ist die international renommierte E-Violinistin und Komponistin Mia Zabelka. Sie studierte Violine, Komposition, elektroakustische Musik, Musikwissenschaft und Publizistik in Wien, wo sie heute auch lebt. Zusätzlich lebt Zabelka im südsteirischen Untergreith und organisiert dort als künstlerische Leiterin vierteljährlich Konzertreihen für das klang.haus, ein internationales Zentrum für Klangkunst und Forum für kreative Entwicklungen, beruhend auf dem subtilen Prinzip der auditiven Wahrnehmung und ihrer sensorischen Weiterverarbeitung.

Als Musikerin/Komponistin beschäftigt sie sich seit über zwanzig Jahren mit der Entwicklung experimenteller Improvisationstechniken mit E-Violine und Stimme, die sie als "automatic playing" bezeichnet. Es geht ihr um die Auslotung des Verhältnisses von Körper, Gestik, Klang und Raum. Dabei dienen auch immer wieder elektronische Geräte und Computer zur Erzeugung erweiterter Klangspektren. Zabelka bezeichnet sich als Extremgeigerin, die mit Experimentierfreude und körperlicher Unmittelbarkeit an musikalischen Bildern arbeitet. Bei ihren avancierten Musikperformances ist die vielfach ausgezeichnete Musikerin gerne interdisziplinär tätig, indem sie unterschiedliche Kunstbereiche – Klangkunst, Neue Medien, Literatur – miteinander vernetzt.

Zabelka ist in jede musikalische Richtung aufgeschlossen und bleibt dabei äußerst vielschichtig, wobei ihr eine spezifische Klarheit im Ausdruck sehr wichtig ist. Dass sich Zabelka mit Christian Tschinkel auch in affirmativer Zuwendung zu popkulturellen Feldern überaus auf einer Wellenlänge befindet, legt die Bezeichnung nahe, die kein geringerer als Fritz Ostermayer über Zabelka machte, als er sie als „Die Nana Mouskouri der österreichischen Avantgarde“ bezeichnete.

Beim V:NM 09 indes gibt es etwas ganz Spezielles zu hören und zu sehen: dezidiert im internationalen Jahr der Astronomie tun sich die zwei vom Kosmos begeisterten Musiker zusammen, um Performance voll synästhetischer Ausdruckskraft zu liefern. Beeinflusst von dem computeranimierten Film INTIÑAHUI – Im Auge der Sonne des Künstlers Klaus Schrefler musizieren sie in klassisch quadrophoner Konzertsituation zu einer Vorabpräsentation ausgewählter Stills des Animationsstreifens, der die mystische Zahlensymbolik der Ziffern Eins bis Neun in einer universellen Art und Weise behandelt. Zu jeder Zahl werden Stills projiziert, von denen sich das Duo inspirieren lässt. Zabelka wird hierbei aufmerksam, sensibel und energetisch die Bilder direkt umsetzen, Tschinkel springt dazu dezidiert über seinen Schatten und experimentiert mit seinen im Studio vorproduzierten und kompositorisch aufbereiteten Modulen live.

Mia Zabelka – e-violin, voice, electronics
Christian Curd Tschinkel – trumpet, electronics, visuals

close