Hans W. Koch
Hans W. Koch
Bild: Claus Stolz
Klaus Lang
Klaus Lang
Katharina Klement
Katharina Klement
Bild: Elisabeth Kopf

TSCHITRAKARNA

Der Begriff Bushido wird gegenwärtig nicht selten mit dem gleichnamigen Rapper verbunden, die historische Herkunft gründet indes auf dem in Japan entstandenen Existenz-Regelwerk, das dem Samurai die bedingungslose Unterwerfung unter einen Fürsten oder ein Ordnungsprinzip vorschrieb. In der Geschichte Tschitrakarna, das vornehme Kamel von Gustav Meyrink (aus Des deutschen Spießers Wunderhorn von 1913), taucht der Begriff gleich zu Beginn auf: vier Raubtiere unterhalten sich da im Dschungel über diese neue Mode, immer zu grinsen, wenn einem etwas Unangenehmes passiert. Sogleich bekommen sie Besuch von einem vornehmen dandyesken Kamel mit Monokel und Seidentuch, das ihnen im Folgenden für einige Monate Kultur und Stil beibringt, dabei sein affektiertes Gehabe jedoch nie verliert und die Tiere vor allem dann zur Weißglut bringt, wenn die Fleischfresser in der Regenzeit immer weniger Beute finden. Das Ende ist vorstellbar und kommt auch prompt: die Raubtiere verlieren ganz fix ihre neuen guten Sitten, und das vornehme Kamel wird deren ganz profane Beute.

Katharina Klement kannte diese Geschichte, und sie kannte hans w. koch und seine Musik, und als sie sich dann nach einem Auftritt von koch und Bettina Wenzel in Schrattenberg im Wirtshaus kennenlernten und feststellten, dass Meyrink mehr als ein Begriff für koch war – neben Herzmanovsky-Orlando ist es sein Lieblingsschriftsteller –, und dieser verschrobene Humor ebenfalls von rheinischer Seite geschätzt wurde, war bereits eine Wellenlänge entstanden. Als der kooperative Austausch mit Köln für das V:NM 09 feststand, war dann sofort klar, dass man zusammen auftreten wollte. kochs haptischer Umgang mit dem Computer und seine Art, ihn über die Software hinaus zu einem Instrument zu machen, hat Klement sehr überzeugt, ebenso sein fundamentaler Umgang mit Musik und sein Wissen darüber, und nicht zuletzt attestiert sie koch einen ganz feinen Humor, den sie sehr schätzt.

hans w. koch hat allerdings Verständnis für das Skurrile und den schwarzen Humor. Bei Meyrink reizt ihn die absurde und esoterische Kombination und die Möglichkeit, eventuell aus der Geschichte eine Spielhaltung herauszuziehen.

koch, der u.a. Komposition bei Johannes Fritsch studierte und Studien zu Giacinto Scelsi und Jannis Christou verfasste, lebt in Köln und ist einer der umtriebigsten und avanciertesten Vertreter einer konzeptionellen Elektroakustik. koch definiert sich klar als Komponist („aber ohne 5 Linien“), er ist aber auch kein reiner Improvisator. Sein Fokus liegt auf Konzeptstücken, Klangkunst und Computerarbeit. Er ist kein expressiver Musiker, sondern versucht Situationen zu generieren, in denen die Klänge ‚Fall-Out’ im Sinne von Abfall sind. Gleichsam arbeitet er gerne mit Dingen und Strukturen, die so angelegt sind, dass sie sich seiner Kontrolle entziehen. koch springt gerne in Situationen, in denen er nicht weiß, wo er ist: „Ich springe auf ein Pferd, das nicht zugeritten ist.“

Das Programm Max/MSP ist dabei sein Leib- und Magenbrot, seine „Mikromodular-Brotmaschine“. Der ausgebildete Pianist hat sein gelerntes Instrument aber immer gemieden, sich vielmehr ab Anfang der 90er Jahre seine akustischen Umgebungen mit z.B. Ringmodulatoren selber gebaut. Nicht das Gerede über Computer, sondern über Software nervte ihn. koch wollte nämlich wissen, wie ein Computer klingt, hat ihn aufgemacht und abgenommen, z.B. mit Salzwasser übergossen – und hat ihn natürlich dabei ersteinmal zerschossen. Andere kamen erst gar nicht auf die Idee. Das war 1996, da hatte koch noch nicht mal einen PC mit Textverarbeitung, sondern nur welche zum Schlachten.

Im Moment arbeitet koch stark an Stücken, in denen er Hard- und Software verbinden will: das Konzept Computers as musical instruments ist noch lange nicht ausgereizt. Bei Tschitrakarna, sagt Klement, geht es vordergründig um den Eiertanz um die Vornehmheit. „Trotz des vornehmlich humorvollen Rahmens hat das Projekt eine Ernsthaftigkeit: der Humor ist Unterboden und zeigt Tiefe auf, in die man fallen kann. Erst klingt alles lustig und vornehm, aber am Schluss geht’s zur Sache.“

Sowohl koch als auch Klement sind Pianisten, die ihr Instrument sehr stark abstrahiert haben; Klement ist neben den elektronischen Erweiterungen sogar bekannt dafür, es so „unklavierhaft“ wie möglich zu spielen. Als Joker für dieses unterbödige Vexierspiel, das eventuell brachial gelöst werden müsste, kommt Klaus Lang hinzu. Der renommierte Komponist und Konzertorganist, der in Laßnitz und Berlin lebt, hat seit 2006 eine Professur an der Musikuniversität Graz inne und ist jemand, der die Pole Komposition und Improvisation exzellent als eine dialektische Einheit begreifen und daraus resultierende Konzepte sinnlich umsetzen kann, ohne das Ziel der Abstraktion je aus dem Fokus zu verlieren.

Sowohl Klement als auch koch, der die österreichische Szene als intensiv und solidarisch schätzt, waren begeistert, dass Lang ihr ursprüngliches Konzept bereichern oder gar auch umkrempeln wird – wir werden hören, ob das ‚Spiel der Raubtiere im Busch’ zur Fallgrube für die Überkultur wird.

Katharina Klement – piano
hans w. koch – electronics
Klaus Lang – organ positive

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