Sigrid Riegebauer
Sigrid Riegebauer

SCHEVENINGEN 09
Widmung: Roswitha Langbroek-Riegebauer (18.4.1959 – 8.6.2008)

Scheveningen heißt der Nordseestrand in Den Haag, Holland. Scheveningen ist Metapher für einen Ort, an dem ein imaginäres und gleichsam reales Treffen stattfinden kann.

Sigrid Riegebauers Stück zum Grazer V:NM Festival 2009 ist eine konsequent ausgeführte Komposition: strukturiert, notiert, objektiviert. Der Anlass der Entstehung indes ist ein sehr persönlicher: gewidmet ist das Stück ihrer Schwester Roswitha Langbroek-Riegebauer, die im Juni 2008 an Krebs gestorben ist. Der Uraufführungstag von Scheveningen 09, der 18.4.2009, wäre ihr 50. Geburtstag gewesen.

Bei ihrer Komposition gab es für Riegebauer weder Vorgabe, Konzept noch Plan, sie ließ sich ganz auf den Klang ein. Wenn, dann ist das ihre generelle Methode der Komposition: so wenig konzeptuell wie möglich zu arbeiten, dafür direkt in den Klang hineinzugehen. „Das Stück baut sich zunächst wie ein verschwommenes Dia in meinem Kopf auf, und je näher ich komme, desto schärfer wird es. Die Entscheidungen hält man sich natürlich offen: man hat immer die Freiheit, es jeden Moment anders machen zu können. Komponieren ist im Grunde improvisieren: es passiert im Kopf, nur mit dem Unterschied, dass es aufgeschrieben wird.“

Riegebauer bezeichnet das Widmungsstück für ihre verstorbene Schwester als „emotionale Programmmusik.“ Nicht im Sinne einer technisch-rationalen Verarbeitung des Emotionalen, was für sie unmöglich ist, sondern vielmehr als ein bewusstes Sich-Einlassen auf und Sich-Öffnen für einen Zustand, von dem man nicht weiß, was mit ihm passieren wird und welche Form er letztlich annimmt. Nur dass er eine Form finden wird, das steht fest: das siebenköpfige Ensemble unter der Leitung von Ruth Winkler wird das ausführende InterpretInnenkollektiv sein, das sich dieses Zustandes annimmt und ihn transformiert. Ruth Winkler ist in dem Grazer Neue Musik-Ensemble szene instrumental aktiv und zudem Leiterin des Girardi Ensemble Graz. Nach ihrer Interpretation eines Riegebauer-Stückes wurde sie von der Komponistin gebeten, aus ihrem Netzwerk ein Ensemble für die Aufführung von Scheveningen 09 zu rekrutieren. „Das sind einfach Leute, die Neue Musik spielen können“, weiß Riegebauer. Mit der Dirigentin Clementine Fuchs hingegen arbeitet Riegebauer schon seit Anfang der 90er Jahre zusammen. Ihre ehemalige Studienkollegin gilt als ausgewiesene Kennerin ihres Werkes und hat bereits viele ihrer Kompositionen dirigiert.

Für den Live-Austausch des Grazer V:NM mit Kölner Komponisten und Musikern in Köln im März 2009 hat Riegebauer die komponierte Improvisation harm(les)(s)onics geschrieben. Aktuell arbeitet sie an einem Chorkonzert für den Steirischen Sängerbund aus Anlass des 200. Geburtstages von Erzherzog Johann. Für das in Neue-Musik-Manier neu zu erarbeitende Stück durchstöbert die Komponistin derzeit die wirklich urältesten Volksliedbücher, um etwas zu finden, was ihr von Text und Melodie her taugt.

Je größer das Ensemble, so Riegebauer, desto leichter und einfacher gestaltet sich letztlich die Komposition, weshalb sie dankbar ist, dass der Auftritt eines siebenköpfigen Ensembles ermöglicht wurde. Die Länge des Stückes wird zehn, maximal fünfzehn Minuten nicht überschreiten – dies, so Riegebauer, ist die gewöhnliche Länge ihrer Ensemblestücke. Was dagegen an Klang, Raum und Zeit darin enthalten ist, geht unendlich wahrscheinlich darüber hinaus.

Sigrid Riegebauer – composition
Heidi Wartha – flute
Anton Hirschmugl – clarinet
Carsten Svanberg – trombone
Jeanne Mikitka – piano
Harald Martin Winkler – violin
Ruth Winkler – violoncello
Clementine Fuchs – conductor

gefördert vom bm:uk

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