Henrik Sande
Henrik Sande
Armin Pokorn
Armin Pokorn
ARMIN POKORN – HENRIK SANDE: KONSUMZWANG

Schon als Knaben waren Armin und Henrik Buben. Untereinander kennen sie sich seit langem, da Graz eh relativ klein ist. Sande, der auch in Wien lebt, betrachtet die Situation für Grazer Musiker und Komponisten nahezu als familiär, komplett anders als in Wien, wo viel mehr Konkurrenzdruck herrsche, wie er betont. In Graz sei es ungleich entspannter, obgleich das kulturelle Angebot sehr gut sei. Dass das einmal klar ist. Sande initiierte das Projekt, da er die Klangkombination Gitarre-Piano nach wie vor sehr gut findet. Ein Teil des Auftritts wird notiert sein, der andere frei improvisiert, wobei auch die Improvisation nach Sandes Geschmack sehr streng sein wird. Seit der Wiener Klassik sei die Dialektik von Spannung und Entspannung das Wichtigste, so Sande. Seit Mozart gibt es in der Sonate das spannungsgeladene Haupt- und das eher ausgleichende Seitenthema. Bei Bachs Präludien ist diese Dialektik ja noch durch Motorik aufgelöst, so Sande, die Balance indes, die die Wiener Klassik fokussierte, sei auch für die heutige Improvisation ein wichtiger Faktor, denn: zu viel Spannung zerbröselt und franst gerne aus, zu wenig Spannung öffnet schnell den Esoterikladen und hat keine Substanz.

Ebenso wichtig ist der Zeitfaktor, weswegen der Auftritt des Duos nicht nur, aber auch grundsätzlich die Ankunftszeiten der ÖBB am Bahnhof Graz Don Bosco thematisiert. „Warum brauchen wir überhaupt Zeiteinheiten?“, wunderte sich Sande schon oft. Beim Beatles’schen Yesterday zum Beispiel ist die erste Strophe ein 7-Takter, in der zweiten fehlt bereits ein Takt, das verwirrt uns. Wenn ein Jazzteil nur 31 Takte hätte, würde er uns ebenfalls verwirren. Denn das Gesetz sagt frei nach Kafka: ein Stück muss 32 oder 64 Takte haben. Und ÖBB-Abfahrtszeiten haben auch sehr viel mit Gesetzmäßigkeiten zu tun. Wenn man sich länger auf dem Bahnhof aufhält, kann man die zeitlichen Abstände regelrecht empfinden, und das auch musikalisch. Denn im Musikstück geht es nach Sande primär nicht um Klang, sondern um Intervalle und Zeitabstände. Dazu kommt die Dialektik der Spannung und Entspannung: wenn Musiker eine halbe Stunde laut spielen, wird es sehr ruhig, und dann verlangen wir nach mehr Entspannung, die dann beim Hören kommt, sonst wird es zu aufdringlich.

Sande interessiert in seinen objektiv intendierten Kompositionen die Verwendung von geometrischen Mustern, da er nicht das Bedürfnis hat, seine Gefühle auszudrücken. Die Subjektivität der Musik entsteht dann vielmehr durch die Anordnung dieser Muster. Er sieht sich als künstlerischer Beobachter, nicht als Leidenssubjekt.

Die Suche nach transsubjektiven Universalismen teilt Sande mit Armin Pokorn. Pokorn hat klassische Gitarre studiert, ist jedoch schon früh auf die Elektrische umgestiegen, hat zudem frühzeitig die Midi-Gitarre ausgelotet und mit Samples gearbeitet. Pokorn hat, so Sande, auch gerne laute Musik und Laute gespielt, also ganz neue und ganz alte. Der Komponist war mehrere Jahre beim Schauspielhaus Hamburg musikalisch tätig, seine größte Leistung aber, so Sande, war es, die gesamte Dreigroschenoper für Gitarre umgeschrieben und aufgeführt zu haben. In Graz macht Pokorn immer noch sehr viele Projekte, so mit dem renommierten Ensemble für zeitgenössische Musik Studio Percussion graz oder mit geistesverwandten Musiker-Komponisten wie Katharina Klement, oder er ist auf internationalen Bühnen zu Hause (mehr zu Pokorn siehe sein Projekt mit Dr. Borg und Der Präsident).

Sande, Komponist, freier Dozent an der Musical Akademie Graz und Pianist bei den Kernölamazonen, ist freischaffend, aber gezwungen, alles anzunehmen. Den V:NM 09-Projekttitel Konsumzwang versteht er auch ein bisschen politisch, da den meisten Leuten heutzutage alles aufgezwungen werde und sie in dem, was sie konsumieren, wenig Freiheit hätten. Die Medien, so Sande, haben so viel Macht, dass sie ganze Völker verblöden können, im künstlerischen und gesellschaftlichen Bereich werde das immer extremer: Kulturberichte fallen zugunsten von Hi-Society- und VIP-Berichten unter den Tisch, denn die Leute sollen halt arbeiten und nicht reflektieren. Zumindest an diesem Abend können Pokorn/Sande ein wenig Gegenprogramm dazu bieten. Sie teilen ja eh einen ähnlichen Humor, so Sande. Teilen wir diesen mit ihnen.

Armin Pokorn – e-guitar, electronics
Henrik Sande – piano

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