Pia Palme
Pia Palme

Klaus Lang
Klaus Lang

KLAUS LANG – PIA PALME: ZEIT UND KLANG

„Die Orgel: den Orgelpart bilden weite, scheinbar statische Flächen aus Klängen, erzeugt durch erweiterte Spieltechniken: Tasten werden fixiert oder nur halb gedrückt, Register halb gezogen. Das Instrument kann großen klanglichen Reichtum entfalten, zur Verfügung stehen das gesamte Spektrum der möglichen Klänge vom Rauschen des Orgelwindes bis zum sinustonähnlichen Klang; eine Chance, auf ein spezifisches Instrument in einem spezifischen Raum zu reagieren, und beides miteinander zum Klingen zu bringen.
Elektronisches Werkzeug: Ausbalanciertes Feedbackverfahren zur Klangerzeugung, Innen- und Kontaktmikrofone; kopflose Subbassblockflöten, um diese Schwingungen zu formen und über die Klappen der Instrumente anzusteuern. Die spezielle Bauart der tiefen Blockflöten kommt dieser elektroakustischen Spielweise entgegen; im Subbassbereich sind weiche, voll klingende Töne erzeugbar. Dazu kommen mikrofonierte Geräusche, eine Vielzahl an rauschenden, kratzenden, perkussiven Klängen sowie Sprachfetzen, Sprechgeräusche. Verfremdet, moduliert, weiter verarbeitet unter Einsatz von Live-Elektronik, über Ringmodulator, Effekte, Loops, weiteres Feedback etc. (keine Zuspielungen). Biegsame Klänge, die von geräuschvoll verzerrt, dröhnend bis zu sinustonartigen, statischen oder pulsierenden Einzeltönen reichen und vielschichtig weiter verarbeitet werden. Duoimprovisation: eine geteilte Wegstrecke bei der gemeinsamen Erzeugung von Klängen in einem Raum. Hineinhören, Verborgenes entdecken und im Raum hörbar machen.“

Pia Palme ist in Wien aufgewachsen und hat schon als Kind Blockflöte gelernt. Die ersten Improvisationsversuche gab es wahrscheinlich schon auf dem Heimweg vom Unterricht: „Muss so sein, denn die Leute haben geschaut.“ In Sievering wohnte sie – wie heute wieder – im selben Häuserblock, wo Anton Karas 1954 vom Filmgeld seinen Nobelheurigen Zum dritten Mann eröffnete – „es wurde bis 12 Uhr nachts gesungen, von allen Seiten“, so Palme. In den frühen 80ern studierte sie Blockflöte, doch zur Orgel hatte sie immer eine ganz besondere Beziehung. Sie bekam als Kind den Schlüssel zur Dorfkirche und saß vor der „sagenhaft verstimmten“ Orgel und hat einfach nur einzelne Töne ausgehalten. An dieses reduzierte Spiel wurde sie bei einem Konzert von Klaus Lang im Rahmen von wien modern 2007 erinnert, daher reicht dieses sehr spezielle Projekt mit Lang ganz weit in ihre Wurzeln und Erinnerungen zurück.

Beim Studium in Wien ist sie einst in eine Organistenszene hineingekommen und hat relativ viel mit dem Instrument zu tun gehabt. Palme kam relativ spät zur Neuen Musik und noch später zur Popmusik, gerade für Letztere war sie damals zu organisiert und strukturiert, „dieser absolute Kontrollverlust war damals nicht mein Ding.“ Am Konservatorium musizierte sie mit ihren Studienkollegen, die später das renommierte quatuor mosaïques-Ensemble gründeten, noch sehr wohlgeordnet und barockmusik-freudig. Überhaupt die Ordnung: ab Mitte der 80er studierte sie ‚Darstellende Geometrie’ an der TU, fing dann aber auch Saxofon an und bekam ziemlich schnell mit, dass der Jazz auch nur ein System mit Regelwerken ist. Als ihr alles zu eng und kleinkariert wurde, begann Palme intensiv Felder zu suchen, „wo sich das Eigene finden lässt“. Als klassische Oboistin war sie viel unterwegs, doch erst 1990 wurde bei einem Improvisationskurs von Jerry Granelli in den USA endlich ein neues Fenster für sie geöffnet.

Die Versuche, die neuen Erkenntnisse in Wien weiterzuknüpfen, waren zunächst erfolglos: die Kollegen waren ganz woanders, und 1997 traf sie von einem Tag auf den anderen die endgültige Entscheidung, mit der Klassik zu brechen. 2000 dann stieg Palme wieder bei der Blockflöte ein, und sie suchte vehement Kontakt zu Szenen neuer und freier Musik. Heute ist sie ein fester und eigenständiger Teil der so genannten Wiener Blockflötenszene, in der diverse Musikerinnen ohne Scheuklappen das Instrument neubewerten, -bearbeiten und -erfinden. Palme ging bei der Re-Invention ihres Instrumentes in letzter Zeit immer mehr in Richtung Elektronik, die für ihre Flöte zur natürlichen Umgebung wurde. Sie ist in verschiedenste musikalische Szenen involviert und dort von den Auslotungen der Extreme fasziniert, ob nun mit Jorge Sánchez-Chiong und Kazuhisa Uchihashi im Trio Subitized, in einer Hommage an Jacob Van Eyck mit Texten von John Milton, oder im Duo mit Electric Indigo als Busting Olifant.

Im Projekt mit Klaus Lang, der für seinen sinnlichen Formalismus und eine enorme Fähigkeit zur intuitiven und pointierten Transformation komplexer Konzepte in non-expressive und gleichsam fantastisch-fantasievolle Abstrakt-Miniaturen bekannt ist, sieht Palme enormes Potenzial: die Orgel steht als physisches Fundament im Gegensatz zur Virtualität der Elektronik im Kirchenraum, der diese Grundlagen als dritter Teil der Musik erst mischt. Die Klänge der Instrumente, so Palme, sind irrsinnig ähnlich, aber verschieden genug. Das Faszinierende sei, wie sie ineinander übergehen, sich geometrisch decken, nahezu kongruent werden – und aus den Überschneidungen und Deckungen doch noch andere Schnittmengen und Räume hör- und erfahrbar werden.

Klaus Lang – organ
Pia Palme – aerophones & electronic

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