Veryan Weston
Veryan Weston
Bild: Claudio Casanova/AAJItalia
Annette Giesriegl
Annette Giesriegl
MULTIPLICITIES OF 5: ANNETTE GIESRIEGL – VERYAN WESTON

Der britische Pianist Veryan Weston ist seit den frühen 70er Jahren einer der umtriebigsten und hochkarätigsten Akteure der erweiterten Jazz- und Improvisationsszene. Er spielte u.a. in Eddie Prevosts Quartett, mit Trevor Watts sowie mit John Butcher oder auch Lol Coxhill. Legendär sind vor allem seine Kooperationen mit dem britischen Vokalartisten und Unikum Phil Minton, so auf dem 1987er Album „Ways“, auf dem das Duo traditionelle Arbeiter-, Revolutions- und Kunstlieder neu interpretierte. Weston ist als studierter Komponist seit jeher ein sehr konzeptuell arbeitender Musiker, der sich dabei jedoch immer den offenen musikalischen Forscherdrang erhalten hat. „Über 90% meiner musikalischen Ausbildung“, sagt er, „erfolgte ‚draußen im Feld’, indem ich außergewöhnliche Künstler und Musiker traf, die möglicherweise niemals einen Fuß in eine akademische Institution gesetzt haben, und von diesen Leuten habe ich musikalisch enorm gelernt.“

Nicht zuletzt beschäftigt sich Weston schon lange mit den pentatonischen Skalen, die er weltweit in der Musik gesucht und miteinander in Beziehung gesetzt hat. Die auf fünf Tönen basierende Pentatonik ist eine weit verbreitete musikalische Tonleiter, die in den unterschiedlichsten Kontexten zu finden ist. Sie charakterisiert vor allem die ostasiatische Musik, ist aber auch in afrikanischen und diversen europäischen Volksmusiken zu finden, z.B. in Teilen Frankreichs, dem Balkan oder in Osteuropa. In der klassischen Schule der Romantik sind, hergeleitet aus der Volksmusik, ebenso pentatonische Themen zu finden wie in geistlichen Liedern sowie vielen einfachen Kinder- und auch Werbeliedern. Blues und Rock sind durch die Pentatonik ebenso stark beeinflusst wie deren spezifische Erweiterungen durch den Jazz und der tonale Grundvorrat der Improvisation. Die Pentatonik zeichnet sich gleichsam durch komplexen Variantenreichtum sowie eine gewisse potenzielle Simplizität aus – eine Eigenschaft, die Veryan Weston nun schon seit 25 Jahren fasziniert.

Eine innovative Erweiterung dieser Forschungen findet Weston nun beim V:NM-Festival 2009 im Duo mit der in Graz lebenden Vokalartistin Annette Giesriegl. Auf deren Album Free Ethno, das sie 2006 im Duo mit dem Perkussionisten und Vokalisten Franz Schmuck als Vocalchordestra einspielte, demonstrierte die Grazer Lehrbeauftragte für Jazz und Gesangstechnik einen gleichsam tiefen wie auch freien, entdeckungsfreudigen und humorvollen Umgang mit ethnischen Gesangstechniken. Das heuer vorgestellte Projekt mit Weston strebt nun eine Erweiterung der pentatonischen Grundlagen und ethnografischen Kontexte an: erforscht werden soll der Zusammenhang von pentatonischem Material und Klang durch die Grundlage der freien Improvisation, die neben der ethnografischen Quellenforschung die Arbeitsgrundlage bildet.

Giesriegl, die auch indischen Gesang studierte, wird neben ihrer Stimme zusätzlich das indische Harmonium in einer sehr unkonventionellen Weise spielen und bearbeiten und dadurch auch einen Vorgeschmack auf ihre nächste CD Enharmonium geben. Die Grazer Vokalartistin sieht diese elektronische Erweiterung und Bearbeitung des musikalischen Materials als einen „dekonditionierenden Umgang mit dem Instrument, der Tradition und den eigenen musikalischen Hintergründen. Das Instrument bleibt dasselbe, aber der Umgang damit ist grundverschieden und kontextsprengend sowie –neuverbindend“ – eine Herausforderung, der sich auch Veryan Weston live stellen wird.

Dass dieser Impetus auf hochoriginelle Weise mit dessen spezifischer und origineller Forschungsarbeit in Sachen Pentatonik korrespondieren wird, dürfte definitiv zu erwarten sein. Weston schätzt an Giesriegl nicht zuletzt deren bescheidenen und unaufdringlichen Umgang mit dem Material sowie ihre gleichsam sehr persönliche Stimmgebung. „Unser Projekt zelebriert die Reichhaltigkeit der pentatonischen Erscheinungsformen in der ganzen Welt“, so Weston. „Musik funktioniert wie der Sauerstoff, der uns hilft, einigermaßen gesund und lebendig zu bleiben.“ Atmen wir an diesem Abend tief ein und aus.

Annette Giesriegl – vocals, indian harmonium, electronic devices
Veryan Weston – piano

 

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