Guenther Albrech
Günther Albrecht
Johann Ivancsits
Johann Ivancsits

GARGANTUA: NEUE TEILSTÜCKE, UA

„Die Natur verabscheut den leeren Raum!“
(Gargantua, Aus den Trinkergesprächen)

Günther Albrecht befasst sich schon seit 10 Jahren mit dem Gargantua und Pantagruel-Zyklus von François Rabelais. Diese Parodie eines Ritterromans kontrastiert und mischt auf unvergleichliche Weise Derb- und Hochgelehrtheit, Ernsthaftigkeit und grotesken Humor sowie Ironie und Sarkasmus und untergräbt durch Wortverdrehungen und -spielereien in einer höchst satirisch-subversiven Weise die hypergelehrte Orthodoxie und Pedanterie der Renaissancezeit. „Das Interessante an Rabelais“, so Albrecht, „ist die Sprache: er sprengt sie, erfindet z.B. eine Bibliothek mit Büchern, die es nicht gibt oder so nicht gibt.“ Als erstes faszinierten Albrecht an dem Roman die Listen und Aufzählungen, die sich durchs ganze Buch ziehen; da werden schon einmal sieben Seiten lang nur Wurstsorten aufgezählt. Die Geschichte schwimmt üppig in ihrem eigenen Fett und strotzt oft vor einer drastischen Naturderbheit. Für die Umsetzung beim V:NM 09 wird Albrecht zwei Stücke aus dem Korpus des zweiten Teils des Zyklus, dem Gargantua, der Geschichte über den Vater des Riesen Pantagruel, musikalisch und sprechdarstellerisch zusammen mit einem ausführenden Schauspieler umsetzen, und zwar die Trinkergespräche sowie Gargantuas Geburt. Ferner wird ein Lebenslauf Rabelais' mit dem Urfaust kontrastiert bzw. in Verbindung gesetzt. Die musikalische Umsetzung basiert auf live-generierter Elektronik, aber auch Einspielungen sind möglich. Grundsätzlich intendiert Albrecht, den Text nicht zu streng zu strukturieren, sondern vielmehr im Fluss zu halten, da ihm ein gewisser Ausgleich an improvisatorischen und fest gefügten Elementen wichtig ist. „Bei bestimmten Stellen muss man berechenbar sein, bei anderen muss man auf die Stimmung, die gerade im Publikum herrscht, reagieren. Am besten ist es, wenn sich das Stück selbst schreibt, dass es uns nur anstößt.“

Ursprünglich war für diese Performanz des prallen Lebens der Schauspieler Herbert Adamec vorgesehen, Albrechts Freund und Partner bei verschiedenen Projekten im Wiener echoraum, u.a. bei Programmen über Checkpoint Charlie oder Hans-Dieter Hüsch. Albrecht schätzt Adamec sehr als „waschechten Anarchisten“, Adamec schätzte Albrecht als „ehrlich Suchenden“ – doch Adamec verabschiedete sich am 19. Januar 2009 tragischerweise selbst vom Leben. Was bleibt, ist das Andenken an einen Menschen, den wir als einen ehrlich suchenden Anarchisten in Erinnerung halten können, der das Große Vielleicht gesucht hat (Als Rabelais starb, ließ er durch einen Pagen mitteilen: „Je m'en vais chercher un grand Peut-Etre.“).

Die schauspielerische Aktion wird in Graz daher von Johann Ivancsits übernommen. Der in Graz ausgebildete Schauspieler ist mit Sicherheit ebenfalls ein ehrlicher und anarchistischer Suchender: neben Engagements bei den Bühnen Graz, bei Rote Grütze in Berlin oder dem Schauspielhaus Bochum sowie der Gründung einer Theatergruppe im Forum Stadtpark lebte Ivancsits Ende der 70er im Burgenland als Aussteiger mit eigener Ziegenzucht und Käserei. Auch heute noch lebt er neben Kindertheater, Auftritten im Theater echoraum und seinem Solokabarett Alzheimerschamane lieber ungewöhnlich, nämlich im Winter in Wien, von Frühling bis Herbst dagegen in seiner Jurte in Niederösterreich. Allhier bleibt zum Auftritt in Graz nur zu sagen:
„Blast’s bei Boutelgen- und Flaschenschall aus, dass wer seinen Durst verloren hat, ihn nicht allhie zu suchen hab: lange Sauf-Klystir haben ihn aus unsern Häuslein längst verjagt.“
„Gott macht’ den Himmel und Sonnen drein, wir Lümmel machen die Fässer rein.“

Johann Ivancsits – voice
Günther Albrecht – instrument

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