Martin Philadelphy
Martin Philadelphy
Bild: Elisabeth Klug
Didier Hampl
Didier Hampl

FRAGMENTS ON FRAGMENTS

" ... selbst in der stillsten Stille ergänzen sich Sound-Fragmente permanent: ist dein Hören gefeit vor einem Jet, während Grillen zirpen? Und die Städte, sie toben willentlich organisch und können: dort verbinden sich Klänge zu Un-Beats und Non-Grooves - tanzfähig, wie ein Ur-Loop, schwarz. Permanent. Das Laute, das Leise: Nichts klingt jemals gleich, wenn Schnee fällt oder Sommerhimmel alles freudig an sich ziehen! Die Ursuppe der musikalischen Kreativität: was bedeutet Hören praktisch im Tun, und wie ist die Position des Teilhabenden? Mathematik?: Kann man aus einem gemeinsam improvisierten Klang eine Wurzel ziehen? Harmonik?: Intervalle sind maximaler Ausdruck der Begegnung mit den energetischen Bedingungen und Bedingungslosigkeiten zwischen Künstlern und Publikum in der gemeinsamen Improvisation. Das Publikum gestaltet mit, wird KomponistIn - der Alien-Schrei wird angeboten! Was es nie gegeben hat: die Langeweile beim Kramen im kreativen Sumpf. Die Hervortrocknung und Sinterung und das Zerfallen zu Staub in 2 Minuten - Short-Cuts! Wiederflüssigmachen - während einige Feuer angezündet und wieder gelöscht werden. Klangwolken, Geräuschkulissen, motional scenes, Miniaturen - 'der Klang hängt wie eine Wolke' - (Wayne Shorter).“

In der Kürze liegt schon Würze: Mit 27 Jahren hat Didier Hampl John Zorns Short Cuts live in Innsbruck gesehen, 1997dann hat er mit Martin Philadelphy in der Tschechoslowakei eigene Short Cuts aufgenommen, in denen es darum ging, die Aussage so kurz wie möglich auf den Punkt zu bringen. 2000 haben die beiden dann erneut spontan in einem Bauernhof in der Südsteiermark aufgenommen, um den „Äther etwas anzuzapfen und die Ursuppe zu filtern“, so Philadelphy. Und dann gibt es natürlich noch das Projekt P.A.IN.T / Performance Art In Terms, das intuitive Improvisieren nach Begriffen, PAINT - das Malen von Klängen, PAINT = NOW WAVE, das jederzeit Bereitsein für den "Griff in den musikalischen Ursumpf". Das Projekt hat, so Hampl, mindestens in Österreich und auch in New York schon so einige musikalische Geschichten geschrieben, Nachahmer hervorgelockt und sattelfest die unglaublichsten und unmöglichsten Auftritte hinterlassen.

Beim V:NM 2009 debüttieren sie nun endlich als Improv-Duo. Es ist eine gute Gelegenheit, sagen sie, in die Ursuppe von Groove und Nichtgroove hineinzutauchen, um daraus die Klänge herauszukristallisieren: keine Themen spielen, sondern grundsätzlich ein- und untertauchen und schauen, was man anzapfen kann. Hampl: „Du bist ja schon morgens beim Semmelnkaufen von Sound umgeben. Uns geht’s darum, das ganze Gebräu zu filtern, um die Konturen nachzuzeichnen und deutlich zu machen.“ Wie das geht? Auf keinen Fall durch Verstehenwollen, unterstreichen beide, denn dann ziehe man gleich wieder Grenzen und bewerte. Also: offen sein und das Selbst vergessen können. „Live wird das Publikum da zum Mitbegründer und ﷓komponisten“, so Philadelphy, „wir zwei sind im Grunde nur Transformatoren, die die Ursuppe kochen“.

Die Arbeit und Kommunikation mit dem Publikum ist für den Songwriter, der aktuell mit einem brillanten Robert Gernhardt-Programm begeistert, eh das Allerwichtigste, weshalb ihm Pop auch so viel bedeutet: „Wenn Du auf das Publikum scheißt, bist Du irgendwann ein subventionierter Musiker. Aber wenn Dich das Publikum unterstützt, kannst Du wirklich was erreichen und bist unabhängiger.“ Kompromisse muss man dafür überhaupt nicht eingehen, so Philadelphy: „Wenn ich Björk im Billa höre, finde ich das fantastisch, es klingt quasi improvisiert. Mir fällt’s halt auf, wie weit man mit einem Sound vordringen kann. Und es ist toll, wenn die alten Weiberl dazu Einkaufswagen fahren. Der Pop muss sich nicht am Publikum anbiedern, ganz nach Zappa: „There’s a big difference between kneeling down and bending over.“

Für Philadelphy ist die Improvisation etwas Praktisches und – nach dem Pop – immer noch die zweite Königsdisziplin. Denn es muss doch eine Sprache geben, die weltweit verstehbar ist und die man ohne akademische und nationale Ausbildungskriterien sprechen kann. Musik ist da quasi die Ursprache: „Wenn man sie intellektuell verstehen will, ist man für die Improvisation immer einen Schritt zu spät.“ Hampl stimmt zu: „Die Vernunft ist für die Improvisation zu langsam.“ Daher agiert das Duo besser aus dem Bauch heraus. Philadelphys aktuelle Hauptinteressen sind vielfältig: unabhängig bleiben, Musicals schreiben, experimentieren. Und gerne einfache Songs schreiben, und er ist froh, die Reduktion und einen Song in G schreiben zu können.“

Hampl, der auf eine bewegte und spannende musikalische Vergangenheit zwischen Bands, Freispiel und Komposition zurückblicken kann, interessiert vor allem immer die Fusion: ob Jazz, Reggae oder TripHop, der Neu-Grazer arbeitet dabei sehr gerne mit Beats. Er bearbeitet derzeit viele Remixe aus dem elektronischen und akustischen Bereich und war das letzte halbe Jahr extrem mit Klangforschung beschäftigt, improvisierte mit dem experimentellen Reggae-Jam-Projekt Son of Suria oder komponierte Musik für Wellness-Resorts und Spas.

Hampl und Philadelphy sind beide Autodidakten. Vielleicht erklärt das ihren extrem offenen, ungezwungenen und trotzdem sehr bewussten Umgang mit Musik und deren Strukturen – und das intuitive Gespür für das, was man dabei rein- und was man rauslassen sollte.

Martin Philadelphy – guitar, vocals
Didier Hampl – bass, electronics

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